Bewegt sich was? E-Learning-Trends kritisch betrachet

Wie ein hypnotisiertes Kaninchen starren viele E-Teacher und Bildungsberater auf die aktuellen “Trends” im E-Learning. Die Begriffe wechseln schnell, aktuell sind es z.B. Facebook, Twitter, Google+ oder Prezi. Tools. Ein Thema, dem sich auch e-teaching.org kürzlich intensiv widmete.

Man sucht und diskutiert Möglichkeiten des sinnvollen Einsatzes dieser Tools und übersieht bei allem Enthusiasmus schnell, dass sie doch nur Momentaufnahmen des technologischen Status quo sind. Heute gehypt, morgen vergessen.

Dieses Schicksal hat nicht einmal den Overheadprojektor ereilt. Im Gegenteil, trotz seines Rufes, antiquiert zu sein, hält er sich hartnäckig und ausdauernd in Schulen, Hochschulen und Schulungszentren. Warum? Weil er so versatil ist. Der Overheadprojektor passt sich nämlich durchaus der Moderne an, auch wenn man ihm das nicht ansieht. Er projiziert, aber was und von welchem Medium interessiert ihn so wenig, wie das didaktische Konzept, in das er integriert wird. Ein hervorragendes Beispiel dafür ist ein Vortrag von Beat Döbeli.

Im Gegensatz dazu erzwingen viele Technologien eine ihnen angepasste Vermittlung des Stoffes. Es sollte jedoch nicht das Medium im Mittelpunkt jeder Art von Unterricht stehen, sondern der Inhalt und wie dieser so vermittelt werden kann, dass er verstanden wird und in das individuelle Wissen der Lernenden dauerhaften Eingang findet. Konzepte also sind das zentrale “Werkzeug”, nicht Technologien. Andererseits hängen Technologie und Konzept im E-Learning zweifellos eng zusammen und so ist eine gewisse Faszination der Akteure (mich eingeschlossen) mit neu entstehenden Tools verständlich.

Alljährlich erscheint der vielbeachtete Horizon-Report. Der Report will Trends des E-Learning aufzeigen und konzentriert sich angenehmerweise nicht auf einzelne Technologien, sondern skizziert übergreifende Konzepte. Und ich stelle regelmäßig mit einer Art gelangweilter Überraschung fest, das die “next trends in e-learning” kalter Kaffee sind. Seit Jahren versucht der Horizon-Report Game Based Learning zu beschwören, ebenso wie (enhanced) E-Books, gestenbasiertes Computing oder Augmented Reality, also die in den Alltag integrierte und “unauffällige” Technologie wie z.B. GPS-Anwendungen. Dörte Giebel hat einen schönen Vergleich der Berichte von 2005 bis 2012 angelegt. Und auch sie stellt fest, dass manche “Trends” seit Jahren wiederholt aufgewärmt werden, während andere, durchaus vielversprechende Konzepte für das Lehren und Lernen, wie z.B. Open Content, wieder zur Seite geschoben wurden.

Vielleicht sagt das alles aber etwas über die Entwicklung von E-Learning aus, und zwar: Sie galloppiert gar nicht so geschwind daher, wie viele meinen. Statt einer Halbwertzeit von 1 Jahr, können wir doch eine von 2 oder 3 Jahren beobachten. Manche der Technologien halten sich noch länger, man glaubt es kaum. Und noch hartnäckiger sind bestimmte Themen und Grundkonzepte; ich denke da beispielsweise an die Vorlesungaufzeichnungen, deren Geschichte Anfang der 2000er Jahre anfing, und die inzwischen dem Bereich des “Mobile Learning” zugerechnet werden.

Das könnte – und vielleicht sollte es – uns E-Learning-Akteure dazu gemahnen, alles gelassen zu sehen. Auch wenn mal wieder jemand mit der “Killer-App” winkt. Auch wenn mal wieder jemand eine Liste der angeblichen Top-100-Tools veröffentlicht. Auch wenn mal wieder jemand aufschreit, dass die Lehrkonzepte an Schulen und Hochschulen nicht den Mediennutzungsgewohnheiten(*) der Lernenden entsprechen würden. So what? Ein guter Wein wird auch nicht heute abgefüllt und morgen getrunken.

Der Horizon-Report ist übrigens Thema des diesjährigen OpenCourse und soll hier kritisch unter die Lupe genommen werden, wie der Kurstitel verspricht. Ich bin gespannt auf den Kurs und freue mich auf die Diskussionen und Erkenntnisse!

 

(*) Tolles, langes Wort!

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