Online-Editor für OER: 3 Monate Beta bei tutory

TutoryAm Educamp Berlin 2015 lernte ich Thomas und Stephan Hoyer kennen, die dort ihr Projekt tutory vorstellten, eine Plattform, mit der sie Lehrerinnen und Lehrer bei der Erstellung von OER unterstützen wollen. Die Idee ist seitdem weiter gereift und zu einem bereits nutzbaren Angebot geworden. Am 5.2.2016 wurde offiziell tutoryBETA gestartet. Ich wollte wissen, wie es im ersten Lebensquartal der OER-Plattform gelaufen ist und konnte Thomas Hoyer für ein E-Mail-Interview gewinnen.

Beschreibe tutory in einem Satz. Kurz, prägnant, verständlich.

tutory ist ein intuitiv zu bedienender Online-Editor für Arbeitsblätter und Dokumente, die man veröffentlichen und damit Anderen zur Weiternutzung und Weiterentwicklung anbieten kann.

3 Monate tutoryBETA. Wie sieht euer Resumeé aus? Was hat sich bewährt bisher, was nicht? Wie sind die Reaktionen der BenutzerInnen?

Wir haben sehr viel positives Feedback über alle denkbaren Kanäle erhalten. Die Nutzerzahlen wachsen stetig durch Mund-zu-Mund-Propaganda und unermüdliche Netzwerkarbeit. Wir versuchen direkt mit den aktuellen Nutzern zusammenzuarbeiten, um Probleme aufzudecken und herauszuarbeiten, in welche Richtung es weitergehen soll. Unser Kommunikationsbudget ist daher bewusst klein gehalten. Die gute Beziehung zu den aktuellen Nutzern steht im Vordergrund. Wir haben vor allem Feedback bekommen, dass die Anwendung sehr klug konzipiert ist und viele Probleme bedacht und gelöst worden sind. Viel Arbeit gibt es noch im Bereich offener Lizenzen. Auch wenn dort schon einiges an Erleichterung umgesetzt wurde, muss es noch mehr vereinfacht werden, damit jeder OER nutzen und erstellen kann.

Wieviele NutzerInnen gibt es bisher? Wer ist eure vorrangige Zielgruppe?

Wir haben jetzt bereits Nutzer im mittleren dreistelligen Bereich, die tutory regelmäßig verwenden. Unsere Zielgruppe ist aber aktuell noch wenig differenziert. Wir werden demnächst eine genauere Analyse vornehmen, wie sich die aktuellen Nutzer zusammensetzen und dann in eine bestimmte Richtung intensiver arbeiten.

Werden Materialien erstellt? Welcher Art sind die?

Ja, es werden eine Menge Materialien aller Art erstellt. Thematisch ist wirklich alles dabei. Gerade für Tests und Klausuren eignet sich der Editor sehr gut, da hier oft sehr individuelle Lösungen gefragt sind, die Verlage kaum anbieten. Wir sehen außerdem, dass die Materialien häufig als Selbstlernmaterialien entwickelt werden. Das freut uns natürlich.

Findet Qualitätssicherung statt? Wenn ja: Wie? Wenn nein: Warum?

Eine Qualitätssicherung im Anschluss an die Materialerstellung durch externe Experten (wie Fachdidaktiker) ist sehr kostspielig und für eine kostenlose Plattform nicht umsetzbar. Wir haben jedoch bereits jetzt technische Mechanismen eingebaut, um eine nutzergenerierte Verbesserung zu ermöglichen. Verändert ein Nutzer ein öffentliches Arbeitsblatt geringfügig, wird die Veränderung übernommen. Verändert er es deutlich, wird eine neue Version davon erstellt, die er wieder veröffentlichen muss. Diesen Vorgang werden wir demnächst deutlicher kommunizieren. Wir können aktuell noch nicht sagen, inwieweit sich Qualität dadurch tatsächlich verbessert, dafür fehlt aktuell eine größere Datengrundlage.

Wie soll sich tutory mittel- und langfristig finanzieren? Wie finanziert es sich jetzt?

Aktuell sind die Gründer über ein Stipendium noch bis Ende März 2017 finanziert. Das reicht jedoch nicht, um dem Anspruch einer hohen Entwicklungsgeschwindigkeit gerecht zu werden. Deswegen bemühen wir uns um weitere Zuschüsse auf europäischer Ebene und vermarkten tutory als Software für Dritte.

Langfristig soll es die Möglichkeit geben, neben dem frei verfügbaren Editor auch weitere Premium-Features zu nutzen, die dann etwas Geld kosten.

Vor längerer Zeit habe ich Serlo vorgestellt. Ist tutory nicht eigentlich das gleiche? Wenn nicht: Was sind die Unterschiede?

Wir kennen und schätzen Serlo. Ihre Vision und die von tutory haben einiges gemein. Wir wollen Bildungsinhalte offen verfügbar machen. Serlo richtet sich aber eher an Schüler und stellt den Community- und den Content-Gedanken in den Vordergrund, ähnlich wie Wikipedia. tutory versteht sich eher als Technologie für offene Bildungsinhalte und Anbieter von Software, die Menschen im Bildungsbereich die Nutzung offener Bildungsinhalte erleichtern will. Daher sind wir eher mit github vergleichbar (einer Plattform für Softwareentwickler).

Ein paar Worte zur weiteren Entwicklung …

Wir wollen den Editor in den nächsten Wochen weiter optimieren. Dazu gehört der Ausbau des Profilbereichs der Nutzer und die Anbindung externer Bild-Datenbanken wie Wikimedia Commons, pixabay oder europeana, die dann von Nutzern auf tutory durchsucht werden können und deren Inhalte inklusive der zugehörigen Lizenzinformationen automatisch importiert werden.

Danach wollen wir die Dokumente auf tutory als “digitale Arbeitsblätter” und im Weiteren als “interaktive Arbeitsblätter” zur Verfügung stellen. Damit können Lehrende die auf tutory erstellten Dokumente auf dem Smartboard aufrufen und und gleich selbst ausfüllen bzw. durch die Schüler ausfüllen lassen.

Was möchtet ihr noch loswerden, was ich in meinen Fragen nicht berücksichtigt habe?

Unser zentrales Anliegen ist es, nützlich zu sein für Lehrende. Daran messen wir uns. Wir sehen nach wie vor die Lehrenden und Lernbegleiter als Schlüsselpersonen für erfolgreiches Lernen junger Menschen an. Deshalb bemühen wir uns, ihre Arbeit zu erleichtern und ihnen den Weg in das Arbeiten mit digitalen Medien — welche die Bildungslandschaft zukünftig weiter verändern  werden — zu verbessern. Unterricht wird weiterhin in Präsenz stattfinden. Digitale Lernmaterialien werden die Lehrer-Schüler-Interaktion sicher verändern, aber nicht obsolet machen. Unser Ziel ist es, Vorteile des digitalen Lernens und des Lernens im Präsenzunterricht zu verbinden. Hier möchte tutory einen Beitrag leisten.

tutory Team

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vielen Dank an Thomas Hoyer für das Interview. Ich wünsche tutory weiterhin gutes Gelingen und eine rege, konstruktive Nutzerschar.

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