Zankapfel Lehrplan 21 – Planungsmittel von Technokraten?

Lehrplan 21Der Lehrplan 21 will in erster Linie, so die offizielle Darstellung, eines erreichen: Die Schulsysteme der Kantone für die Volksschule einander angleichen. Langfristig würde das u.a. die Binnenmigration in der Schweiz verbessern, denn Schulabschlüsse könnten kantonsübergreifend anerkannt werden. Ein Vorteil, den wohl kaum jemand bestreiten kann, der aber, wie mir scheint, in der veröffentlichten Diskussion kaum zur Geltung kommt. Stattdessen wird der Lehrplan 21 zum Teil kontrovers und hitzköpfig diskutiert, umfänglich kritisiert und leider auch polemisch instrumentalisiert. Schauen wir uns das einmal im Detail an.

Das Selbstverständliche formulieren

Ja, es kann erschrecken, wenn man liesst, dass der Lehrplan 2304 Kompetenzen formuliert (ursprünglich gar 3123). Schaut man sich den Lehrplan im Detail an und bezieht dabei pädagogische Unterrichtserfahrung mit ein, wird klar, dass sich viele der Kompetenzen kombinieren lassen bzw. selbstverständlich aufeinander aufbauen. Man kann es auch anders sagen: Die Menge der Kompetenzen entsteht dadurch, dass eine feingranulare Definition vorgenommen wurde von vielem, was zuvor implizit, aber unausgesprochen vorausgesetzt wurde. Darauf bezieht sich auch Laura Saia in ihrem Gastkommentar in der heutigen NZZ. Sie sieht in der „Katalogisierung“ der Kompetenzen ein technokratisches Hilfsmittel, mit dem der Instrumentalisierung der Menschen für den Markt zugearbeitet wird, statt der angeblich bisherigen humanistischen Bildung treu zu bleiben. Und fragt: „Wo bleibt denn zwischen all den Kompetenzen noch Zeit und Raum […]?“ Ja, wo bleiben Zeit und Raum denn bisher im starren Rahmen des 45-Minuten-Taktes an unseren modernen Schulen? Schon lange wandeln wir nicht mehr als lernende Individuen mit Sokrates über den Marktplatz und führen weise Lehr-Lern-Gespräche; und könnten dies auch nur, gehörten wir zu einer winzigen privilegierten Gesellschaftsschicht.

Dystopie, Angst und Instrumentalisierung

Dabei ist es nicht falsch, wie Laura Saia vor einer Idee von Bildung zu warnen, deren Ziel darin besteht, Menschen für die Bedarfe von Industrie und Wirtschaft, des kapitalistischen Systems, zu „optimieren“. Aber ich denke nicht, dass der Lehrplan 21 solche Orwell’sche Kraft enthält. Der Lehrplan 21 ist ein Versuch, die Bildungslandschaft Schweiz zu harmonisieren, aber nicht, sie gleichzuschalten.

Veränderungen rufen immer Ängste hervor und aus diesem Gefühl heraus attackieren Menschen blind und radikal. Da regiert das Stammhirn. Das führt dann auch zum „Sammelbecken der Empörten“, wie man im Tagesanzeiger lesen konnte. Wieder einmal finden sich die seltsamsten Koalitionen: Extreme Religiöse, radikale Linke, besorgte Bünzler und schliesslich auch noch populistische Politiker finden sich geeint und rufen zur Abstimmung gegen den Lehrplan 21 auf. Spätestens, wenn man an gleicher Stelle liesst, dass die SVP dazu aufruft, „in allen Kantonen Volksinitiativen gegen den «praxisuntauglichen und immer noch monströsen» Lehrplan zu lancieren“, muss man aufwachen, statt sich instrumentalisieren zu lassen.

 

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Kommentare (3) Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: Bildung reformieren und dabei sparen – geht das? | edaktik

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