Wie Wikipedia für die Bildung, aber anders: Serlo

Serlo (Logo)

Als das von mir mit Interesse beobachtete OER-Projekt Schulbuch-O-Mat über Twitter verkündete, dass man zukünftig mit Serlo kooperieren wolle und von der bisher genutzen Plattform Loop dorthin wechseln wird, wurde ich neugierig: Was ist Serlo?

Um nicht nur meine, sondern gleich auch eure Neugier zu befriedigen, habe ich mit Simon Köhl gesprochen, der schon als Schüler mit der Programmierung von Serlo angefangen hat. Heute ist Simon nicht nur Teil des Serlo-Teams, sondern  auch Vorsitzender des Trägervereins Gesellschaft für freie Bildung e.V.

Eigentlich wollte ich das Interview über Skype aufnehmen und euch als Podcast zur Verfügung stellen, aber die Technik wollte auf beiden Seiten nicht so, wie wir wollten. Deshalb gibt es hier nun die Transkription unseres Gesprächs. Vielen Dank an Simon für das Interview und die Grafik.

LP: Was ist Serlo? (In einem Satz.)
SK: Serlo ist eine kostenlose Lernseite für Schüler_innen, bei der alle mitmachen können.

Eine Art Wiki, oder?
Ja, genau. Wir haben 2 zentrale Komponenten: Zum einen die Lernoberfläche. Weil wir eine neue Art des Lernens abbilden wollen, sind Inhalte kleine abgeschlossene Objekte, die dann in unterschiedlichen Formaten zusammengeführt werden können. Die 2. Komponente ist das Erstellen dieser Formate, was am aufwändigsten ist. Zum Beispiel ist es eine komplexe Aufgabe, Integralrechnung abzubilden, für die unterschiedlichen Lehrpläne in Deutschland. Serlo bietet eine Oberfläche, solche komplexen Inhalte gemeinschaftlich zu erstellen. Serlo ist eine Art Wikipedia für Bildungsinhalte.

Wodurch unterscheidet ihr euch dann von der Wikipedia?
Der Unterschied zur Wikipedia ist, dass Inhalte auf Serlo aufgrund der Bindung an die Lehrpläne an einem Punkt inhaltlich vollständig abgebildet sind. Wenn dann der Fokus nicht mehr auf der quantitativen Eingabe liegt, setzen wir darauf, dass qualitätssichernde Maßnahmen zunehmen werden.

Ist Serlo ein Kunstwort? Welche Bedeutung hat es?
Serlo ist der Name einer buddhistischen Klosterschule in Nepal. Dort war ich und habe gesehen, dass zwar Computer und Internet vorhanden waren, es aber an guten Lernmaterialen gemangelt hat.

Wer hat’s erfunden? Und wann?
Vor ziemlich genau 5 Jahren, noch als Schüler, habe ich damit angefangen.

Wer macht es?
Ein Team das aus 20 bis 25 Leuten besteht; Vollzeit, Teilzeit und ehrenamtlich tätig.

Stellen wollen bezahlt werden. Wie wird Serlo finanziert?
Manches ist ehrenamtlich nicht machbar, z.B. Softwareentwicklung oder Geschäftsführung. Ehrenamtlich ist v.a. der Communitysupport. Wir finanzieren Serlo über Spenden und Stiftungsförderungen, aber es hat auch schon Preisgelder gegeben. Zukünftig setzen wir auf den gemeinnützigen Trägerverein, dessen Mitgliedsbeiträge für die unabhängige und nachhaltige Finanzierung sorgen können.

Das Ziel von Serlo?
Mit der kürzlich veröffentlichten neuen Version wird es möglich, den Wikigedanken zu verwirklichen, neue Schulfächer hinzuzufügen und bestehende Fächer auszuweiten. Dafür suchen wir aktuell mehr Leute, die auf Serlo Inhalte erstellen wollen. Das können Lehrer, Studierende, Berufstätige, Pensionäre etc. sein.
Die Internationalisierung hängt davon ab, wer dazu kommt und dann was macht. Wir planen auch Partnerschaften für Inhalte, für Mathe haben wir das gerade gemacht.

Gerade bei lehrplankonformen Inhalten ist die Qualität wichtig, immerhin werden sich Lernende auch auf Klausuren vorbereiten. Wie handhabt ihr die Qualtiätssicherung?
Wichtig ist, dass bei Serlo Inhalte nicht sofort online sind. Es gibt einen Redaktionsprozess auf Basis komplexer Richtlinien. RedakteurInnen sind AutorInnen, die zuvor nachweislich qualitativ hochwertige Inhalte bereit gestellt haben. Zudem ist die Menge der Aktiven eine mögliche Antwort auf die Qualitätsfrage. Aus dem Mix verschiedener Ansätze und Diskussionen von verschiedenen AutorInnen können sehr gute Materialien entstehen.
Aktuell haben wir 200.000 Nutzer (Lernende) und erhalten kontinuierliche Rückmeldungen auf Inhalte. Die Community reagiert auf die Meldungen. Fehler im Schulbuch bleiben oft Jahre lang erhalten, bei uns können Fehler schnell korrigiert werden.

Wer genau ist eure Zielgruppe?
SchülerInnen aller Stufen, also von der 1. bis zur 12. Klasse. Aber schon auch Studierende, zumindest im Grundstudium. Wobei wir aktuell vor allem die Mathematik der Oberstufe abgebildet haben.
Serlo setzt auf starke Eigenmotivation. Lernende werden dadurch animiert, zu entscheiden, wie sie lernen wollen, sodass unser Lernprozess im Idealfall die Metakognition fördert: „Welches Material verwende ich? Welchen Links folge ich?“ usw.

Mitmachen ist erwünscht. Aber wie kann man denn mitmachen bei Serlo?
Wir sind noch ganz am Anfang. Man kann schon einfach einen Account anlegen und Inhalte erstellen oder verbessern. Aber unsere Empfehlung ist, eine E-Mail an community@serlo.org zu senden und zu schreiben, wie man mitwirken möchte, dann können wir das Engagement bestmöglich unterstützen.

Gibt es Jobs bei euch?
Aktuell haben wir keine bezahlten Jobs ausgeschrieben. Es gibt jedoch zahlreiche Möglichkeiten ehrenamtlich mitzuwirken oder die unterschiedlichen Teams von Serlo im Rahmen eines Praktikums kennenzulernen. Zum Beispiel gibt es die Serlo-Akademien, die immer in den Semesterferien stattfindet. Hier können Lehramtsstudierende ihr Betriebspraktikum bei Serlo verbringen, konkrete Inhalte erstellen und unser ausführliches Rahmenprogramm nutzen.

Schulbuch-O-Mat wechselt mit der 2. Version des Biobuchs von Loop zu Serlo. Was ist der Unterschied zu Loop?
Loop war am Anfang genau das Richtige für Schulbuch-O-Mat, v.a. die Generierung des Buchs mit einem Klick ist total komfortabel. Bei uns liegt der Fokus dagegen auf der Erstellung von Inhalt durch eine Community, aber auch die Abbildung der realen Lehrpläne ist schon im System von Serlo berücksichtigt. Inhalte auf Serlo können durch Markierungen unterschiedlichen Kontexten zugeordnet werden. Technisch ausgedrückt liegen dem Taxonomien zu Grunde, und diesen wiederum sind Typologien zugeordnet. Typologien definieren die Lehrpläne, Klassen und die anderen relevanten Merkmale. Ein weiterer Vorteil ist die Vernetzung der Inhalte, ähnlich der Wikipedia.

Gibt es weitere Projekte wie das Biobuch, die ihr zukünftig auf Serlo realisieren wollte?
Wir haben Kooperationen mit einigen Mathematikseiten, deren Inhalte wir auf Serlo übernehmen dürfen. Darüber hinaus beobachten wir weitere Projekte und führen Gespräche.

Wie geht es weiter?
Vor allem werden wir die Community für die Content-Erstellung aufbauen. Viel Workload ist ausserdem die Technik, beispielsweise um die Benutzbarkeit von Serlo zu optimieren.

Vielen Dank an Simon Köhl für das Interview. Ich bin gespannt, wie sich Serlo weiterentwickeln wird. Es ist auf jeden Fall ein interessanter und vielsprechender Ansatz für die kooperative Produktion von Lehr- und Lernmaterial.

Was ist eure Meinung zu Serlo? Oder überhaupt zu der Idee, gemeinschaftlich OER-Inhalte zu erstellen, die direkt schon bestimmten Lehrplänen oder Curricula entsprechen? Haltet ihr das für dauerhaft machbar? Wird es die Schulbuchverlage ruinieren, wie diese ja gerne behaupten? Das Kommentarfeld wartet auf eure Diskussionsbeiträge.

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