Frei, aber nicht für lau – Finanzierung von OER

Das komplexe Erloesmodell von L3T

Das komplexe Erloesmodell von L3T

Frei erhältliche Bildungsmedien zur Verfügung zu stellen, ist eine schöne Idee. Da denkt man gleich an warme Sonnenstrahlen, blühende Wiesen und Menschen, die glücklich darauf herumlungern und sich mit einem Lächeln im Gesicht weiterbilden. Aber die so genossenen Materialien müssen doch auch zuvor hergestellt worden sein, und da wir richtigerweise immer mehr auch hohe Qualität bei OER fordern, haben Profis die Materialien in unserem schönen Bild hergestellt. Die haben vielleicht auch, wahrscheinlich aber nicht auf der blumigen Wiese im Sonnenschein gearbeitet, sondern vielmehr am Schreibtisch, am PC, in Bibliotheken, bestenfalls auf der Couch mit dem Laptop oder Tablet auf dem Schoss (letzteres nennt man „Homeoffice“). Sie haben viel Zeit, intellektuelle Energie, Kreativität und Know-how in die Entwicklung der Lernmaterialien investiert. Doch wie bekommen sie ihren „Return-of Investment“ (ROI)? Wie kann zumindest die Arbeit, die geleistet wurde, das Engagement und auch die Bereitschaft, die Ergebnisse kostenlos zur Verfügung zu stellen, angemessen gewürdigt werden? Oder bescheiden wir uns noch weiter: Wie können die Kosten, die für Entwicklung, Veröffentlichung und Werbung ausgelegt wurden, gedeckt werden?

Finanzierungsinstrumente für OER

Dass dieses Thema nicht banal ist, zeigt uns auch die Grafik oben, die Sandra Schön und Martin Ebner in ihrem Vortrag „Der Wert und die Finanzierung von freien Bildungsressourcen“ im Rahmen des COER13 gezeigt haben. So, wie seit Jahren im Bereich der Open-Soure-Software neue Geschäftsmodelle entwickelt wurden, ist auch für OER monetäre Kreativität nötig. Das Erlösmodell von Schön und Ebner ist dafür ein gutes Beispiel. Zugleich macht die Grafik auch den Arbeitsaufwand sichtbar, der mit einem OER-Projekt zusammen hängt. Darin unterscheidet sich „Open“ nicht von klassischen Distributionsmodellen. Da bisher die Verlage meist zurück haltend sind, werden viele OER-Materialien in Eigeninitiative der Autorinnen und Autoren publiziert und somit bleibt also auch die sonst für die Verlagsdienstleistungen typischen Aufgaben an diesen hängen. Auch das muss in der Berechnung des Aufwands für ein ernsthaftes OER-Projekt berücksichtigt werden. (Hätten wir freilich ein bedingsloses Grundeinkommen, könnten sich Menschen einfach die Zeit nehmen, solche sinnvollen Dinge wie freie Bildungsmaterialien zu erstellen.) Selbst bei einem weniger ambitionierten Projekt als dem L3T fallen also nicht nur Finanzierungsfragen, sondern auch Marketingstrategien und -aktivitäten in den Aufgabenbereich der Herausgeberinnen/Herausgeber oder Autorinnen/Autoren. Und damit wird Know-how nötig, über das nicht jede/r verfügt.

Nicht alle setzen auf solche komplexe Finanzierungsmodelle wie Schön und Ebner. Eher als Anschubfinanzierung kann man das Crowdfunding des OER-Projekts Schulbuch-O-Mat bezeichnen, denn lt. Projektbeschreibung suchen die Initiatoren während „des Startjahres […] aktiv nach öffentlichen und privaten Förderungsmöglichkeiten, um den weiteren Betrieb und eine Weiterentwicklung des SCHULBUCH-O-MAT zu gewährleisten.“ Gerade im Schulbuchbereich, so scheint es, bewegt sich aktuell am meisten. Ein Gymnasium in Dänemark hat einen ganz eigenen Weg gefunden, an offene Bildungsmaterialien zu gelangen: Die Lehrenden entwickeln die Lehr- und Lernmaterialien selber und teilen sie. Leider geht aus dem Porträt nicht hervor, ob diese Materialien dann als OER allgemein zur Verfügung gestellt werden und mir drängt sich der Verdacht auf, dass dem eher nicht so ist.

Öffentliche Gelder für öffentliche und offene Bildung

Crowdfunding, Sponsoren, Eigenleistungen, zahlungspflichtige Zusatzfeatures – das sind im Wesentlichen die Instrumente, mit denen noch relativ kleine Gruppen versuchen, OER-Materialien zu verwirklichen. Keine Bildung ohne Medien heisst es, doch es sollte vielleicht auch heissen: Keine Bildung ohne Staat – und Staat meint hier unser gesellschaftliches Zusammensein, repräsentiert durch Landes- und Bundesregierungen. Der Lehrerfreund weisst darauf hin, dass der deutsche Staat jährlich über 200 Millionen Euro für Schulbücher ausgibt, nimmt man Lernsoftware dazu, kommt man auf das Doppelte. Eine Summe mit dem sich prima eine Menge lehrplangesicherte Materialien als OER produzieren liesse. Über die Folgekosten resümiert der Lehrerfreund im gleichen Artikel: „Man hätte weiterhin kaum Folgekosten: Mit den 9 Mio., die aktuell den Schulbuchverlagen gezahlt werden, wären Publikationskosten, Aktualisierung und Qualitätskontrolle zu bestreiten; nach einigen Jahren der Umstellung hätte der Staat ein jährliches Plus von rund 100 Millionen Euro.“ Ich folge zwar nicht dem Vorschlag, der Staat sollte Schulbuchverlage aufkaufen, aber es wird Zeit, unsere öffentlichen Ausgaben für Lehr- und Lernmittel zu überdenken und offene Bildungsmaterialien in diese Überlegungen einzubeziehen.

 

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Kommentare (2) Schreibe einen Kommentar

  1. Die Frage nach dem „Return-of Investment” (ROI)ist auch für mich eine sehr zentrale.
    Dein Beitrag hat mir gut gefallen und weitere Anregungen gegeben 🙂

    Sonniger Gruß

  2. Pingback: Die Bedeutung freier Bildungsmaterialien | Twoonix Blog

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