Bildung: Universelles Menschenrecht und prekäres Gut
Der heutige Tag der Menschenrechte bietet mir die Gelegenheit, einmal laut über Bildung als Menschenrecht nachzudenken. Die Menschenrechtserklärung vom 10. Dezember 1948 formuliert unmissverständlich:
Jeder hat das Recht auf Bildung.
Im Jahr 1966 wurde ergänzend der Internationale Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte vereinbart (deutschsprachige Fassung), der 1976 in Kraft trat. Hierin heisst es in Artikel 13 unter anderem:
(1) Die Vertragsstaaten erkennen das Recht eines jeden auf Bildung an. Sie stimmen überein, dass die Bildung auf die volle Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit und des Bewusstseins ihrer Würde gerichtet sein und die Achtung vor den Menschenrechten und Grundfreiheiten stärken muss. Sie stimmen ferner überein, dass die Bildung es jedermann ermöglichen muss, eine nützliche Rolle in einer freien Gesellschaft zu spielen, dass sie Verständnis, Toleranz und Freundschaft unter allen Völkern und allen rassischen, ethnischen und religiösen Gruppen fördern sowie die Tätigkeit der Vereinten Nationen zur Erhaltung des Friedens unterstützen muss.
Im weiteren Text wird die allgemeine Zugänglichkeit und die Unentgeltlichkeit der Schulbildung, auch der Hochschulbildung, vereinbart.
Wie es der unentgeltlichen Hochschulbildung in den letzten Jahren in Deutschland ergangen ist, wissen wir ja. Die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) benennt weitere Mängel bei der Umsetzung der Vereinbarung in Deutschland in einem Bericht. Im Vergleich mit der weltweiten Situation sind dies Luxusprobleme (die aber freilich das Signal für weitere negative Entwicklungen sein können).
Was Bildung hemmt: Armut und Geschlecht
Der World Development Report 2012 der Weltbank zeigt deutlich den Zusammenhang zwischen (Schul-) Bildung, Armut und Geschlecht. Der Bericht fokussiert auf Geschlechtergerechtigkeit und zeigt damit geradezu exemplarisch, wie wichtig Bildung ist, um zu einem würdevollen, selbstbestimmten Leben befähigt zu sein. Kapitel 13 des Berichts zeigt: Wenn private Haushalte in ökonomische Krisen geraten, wird in aller Regel als erstes an der Bildung der Kinder gespart. Und hier sind, so zeigen die gesammelten Daten, Mädchen stärker betroffen als Jungen. Der Report macht deutlich, dass Bildung ein prekäres Gut ist, das schneller aufgegeben wird als materielle Güter. Das macht durchaus Sinn: Hunger steht letztlich immer über allen anderen Bedürfnissen. Deshalb, so argumentieren viele Entwicklungs-Organisationen, ist es so wichtig, Bildung kostenlos und gut erreichbar anzubieten.
Doch die Wege zur Schule sind oft weit, zu weit. Darüber berichtet auch der “Weltbericht Bildung für alle 2010″ (PDF) der Deutschen UNESCO-Kommission. Hiernach besuchen 72 Millionen Kinder weltweit keine Schule.
Geschätzte 44% der Kinder in Entwicklungsländern, die momentan keine Schule besuchen, werden wahrscheinlich nie eine Schulbildung erhalten und damit ihr Leben lang benachteiligt sein.
Und mit einem ersten Schulbesuch ist es nicht getan. Ein Großteil der Kinder, die zunächst an der primären Bildung teilhaben, schließen ihre Schulbildung nicht ab. Die Gründe sind vielfältig, einige nennt der UNESCO-Bericht:
Geschlechterdisparitäten, Armut und ein Leben in abgelegenen Gebieten sind unter wechselseitigem Einfluss und im Zusammenspiel mit Faktoren wie Sprache, ethnischer Zugehörigkeit sowie körperlicher oder geistiger Behinderung für Barrieren bezüglich Zugang zu und Verbleib in der Schule verantwortlich.
Auch die UNESCO-Studie macht zwei schwerwiegende Faktoren für den Ausschluß von Bildung aus: Die Geschlechtszugehörigkeit und Armut. So sind 54% aller Mädchen weltweit ohne Schulbildung. Fast zwei Drittel der erwachsenen Analphabeten, weltweit ca. 759 Millionen, sind Frauen. Analphabetismus verhält sich zudem proportional steigend zu Armut und Bevölkerungsdichte.
Der Kampf gegen den Analphabetismus war bisher keine politische Priorität. Finanzielle Verpflichtungen bleiben unzureichend und Bemühungen, Alphabetisierungsstrategien in allgemeine Strategien zur Armutsbekämpfung einzubinden, sind weiterhin wenig ausgeprägt.
Würde, Gesundheit und gutes Essen: Bildung für Nachhaltigkeit
Bildung ist ein wesentlicher Faktor zur Verbesserung der individuellen Lebenssituation. Über diesen Weg werden aber auch die größeren sozialen Zusammenhänge wie Familien, Stämme oder Nationen beeinflußt, denn das individuelle Wohlergehen wirkt auf das gemeinschaftliche Befinden und Verhalten. Wenn die Weltbank von den dringend nötigen Investitionen in eine allgemeine Bildung spricht, und dies mit den andernfalls wesentlich höheren Kosten der Folgen ausbleibender Bildung spricht, so mutet das abgebrüht kapitalistisch gedacht an. Falsch ist der Gedanke jedoch nicht, man kann ihn allerdings anders anwenden: Wenn wir weiterhin Bildung zu geringschätzen und nicht genug fördern, dann werden unsere zukünftigen sozialen, ökonomischen und ökologischen Probleme uns verschlingen.
Die Internationale Vereinbarung der Menschenrechte nennt als Ziele der Bildung: Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit, Bewusstwerdung der Würde, Achtung vor den Menschenrechten.
Konkreter und lebensnaher formuliert gehören hierzu: Persönliches Wohlbefinden, Gesundheit, gute Ernährung in ausreichendem Mass, persönliche Weiterentwicklung, wirtschaftliche Entwicklung.
Und hinter diesen Aspekten stecken nochmals andere, dringende Themen, z.B. der nachhaltige Umgang mit Ressourcen, um Gesundheit, Wohlbefinden und wirtschaftliche Entwicklung zu sichern. Dieser Aspekt fehlt in der Charta der Menschenrechte zur Gänze, dabei wäre es höchste Zeit, ihn aufzunehmen. Der freie Zugriff auf natürliche Ressourcen wie z.B. lokale Fischbestände, Pflanzensaat oder Landwirtschaftsflächen sowie das Recht auf unvergiftete Ressourcen wie Boden, Wasser oder Luft sind wesentliche Menschenrechte.
Bildung, wie ich sie verstehe, ermöglicht es Menschen, verschiedene Informationen zu bekommen, diese zu verstehen, miteinander zu vergleichen, eigene Erfahrungen damit zu verbinden, eigene Schlüsse zu ziehen und auf diesem Weg handlungsfähig zu werden. Es ist Aufgabe einer freien, humanistisch orientierten Bildung, den Menschen dieses intellektuelle Instrumentarium zu geben, damit sie sich für sich selber einsetzen können. Eine solche Bildung ist auch Bildung für den Frieden, denn wir sehen bereits heute, dass die Kriege der Zukunft Ressourcenkriege sind (die Kriege der Gegenwart sind es ja auch schon).
Keine gerechte Bildung ohne Gestaltung
Bildung hilft also dabei, die Welt zu einem besseren Ort für alle zu machen? Ist Bildung die Nährlösung für menschliche Entwicklung, für Gleichberechtigung aller Menschen, für Inklusion, für umweltbewußte Lebensweisen und vieles mehr? Dann müssen wir uns allerdings viel stärker mit den Inhalten, den Strukturen, ihrer Finanzierung und den Methoden und Mitteln der Bildung auseinandersetzen und sie gestalten. Sonst bleibt sie nur ein Wort, ein leeres Versprechen.
Allerdings hat durchaus auch die UN erkannt, wie wichtig die Bildung zum ressourcenschonenden Umgang mit unserer Umwelt ist. Mit der UN-Dekade der Bildung für Nachhaltige Entwicklung soll über vielfältige Projekte ein Grundstock an Bildungskonzepten und Best-Practice-Beispielen gelegt und für das Thema sensibilisiert werden. Wie es mit diesen lobenswerten Ansätzen später weitergeht, und insbesondere welche öffentliche Förderung und allgemeine Selbstverständlichkeit sie erhalten, werden wir sehen.
Weitere Links zum Thema
- Ein technologiegestützter Ansatz ist die Initiative One Laptop Per Child. Das Sugar-Betriebssystem ermöglicht einen leichten Zugang zu allen Daten, die Laptops haben einen extrem geringen Energieverbrauch und sind mit leicht und preiswert austauschbaren Komponenten bestückt.
- Die Plattform Humanrights stellt alle aktuellen Dokumente und weitere Informationen zum Menschenrecht in deutscher Sprache zur Verfügung.
- Studie “Das Menschenrecht auf Bildung” des Deutschen Instituts für Menschenrechte
- Artikel “Recht auf Bildung: Der weite Weg zur Schule” von amnesty international
- Der United Nations Cyberschoolbus liefert Informationen, Curricula und Unterrichtsmaterial zu den verschiedenen UN-Themen
- United Nations bei twitter
- Make a wish on Human Rights Day
Literatur
- Die Revolution der Menschenrechte
- Menschenrechte: Eine Einführung mit Dokumenten
- Das Menschenrecht auf Bildung und seine Umsetzung in Deutschland: Diagnosen – Reflexionen – Perspektiven
- Bildung für alle Kinder? Statuslose Kinder in Deutschland und ihr Menschenrecht auf Bildung
Attachment: Veröffentlichung Internationaler Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte im Bundesgesetzblatt vom 28.11.1973

