Google saves the world, again – really?
Google hat es mal wieder geschafft: Mit der Meldung vom Mittwoch, Google Books sei mit über 1,5 Millionen Büchern ab sofort online zugänglich, konnte sich das Unternehmen wieder seinem bisherigen Image gemäß das Bild des Innovators geben. Die Twittergemeinde jubilierte, und auch etliche Medien (z.B. Spiegel, The New York Observer) brachten ihre Freude zum Ausdruck. Wie innovativ ist Google Books aber wirklich? Hat Google mal wieder die Menschheit vor der Verdummung gerettet, indem es “Wissen” unentgeltlich allen zur Verfügung stellt? Rettet Google erneut die menschliche Kultur vor dem andernfalls sicheren Untergang, indem es endlich, endlich, endlich fast vergessene Litertur in digitalisierter Form verbreitet?
Hold your horses!
In all dieser Euphorie werden zwei Aspekte übersehen:
- Frei erhältliche, digital zugänglich gemachte Literatur ist alles andere als eine neue Erfindung.
- Aktivitäten Googles haben wenig bis gar nichts mit huminastischem Idealismus, viel hingegen mit ökonomischen Interessen zu tun.
Allein die Veröffentlichung der Meldung offenbart schon die laxe Einstellung Googles zu internationalen Urheberrechten. Am Mittwoch morgen noch lag ein Brief der VG Wort in meinem Briefkasten. Ich solle der VG Wort die Berechtigung geben, mich und meine autoriellen Rechte gegenüber Google zu vertreten (ich habe u.a. die XHTML-Akademie bei der VG Wort registriert). Ungeklärt ist nämlich noch, wie europäisches Recht mit den Aneignungs- und Verwertungsversuchen seitens Google vereinbar ist – wenn überhaupt. Natürlich ist auch die VG Wort kein Ritter der Entrechteten, sondern selber am ökonomischen Potential digitaler Werke interessiert. Doch der Konflikt mit Google ist weder eine bilaterale Angelegenheit, noch auf einzelne Unternehmen beschränkt. Steve Posiask beschreibt die Problematik sehr gut in seinem heutigen Kommentar auf forbes.com und zeigt, dass auch in Googles Mutterland die juristische Situation keineswegs geklärt ist.
Digitalisierte Literatur en masse seit 1971
Soviel zu Punkt 2. Und was ist so großartig daran, dass Google “über 1,5 Millionen Bücher” online zur Verfügung steht? Die Idee an sich ist nicht neu, etliche haben ebensolches zuvor getan.
Mutter aller systematischen Literaturdigitalisierungen ist das Project Gutenberg, dessen Start man immerhin auf das Jahr 1971 datieren kann. Die deutsche Version des Projekts wird inzwischen unter einer Subdomain des Spiegelmagazins gehostet. Die “echte” deutschsprachige Sammlung findet man jedoch weiterhin beim Project Gutenberg selber.
Das Internet war noch jung, und schon erkannten 1996 ein paar schlaue Köpfe, dass es gerade für Wissenschaft und Forschung doch sehr schade wäre, wenn Online-Ressourcen irgendwann einfach wieder verschwänden. Und sie gründeten das Internet Archive. Deren wohl bekanntestes Projekt ist die Wayback Machine, aber neben anderen digitalen Ressourcen werden auch Texte archiviert und zur Verfügung gestellt.
Inspiriert durch das Gutenbergprojekt wurde 2003 Wikisource, damals noch unter dem Namen Project Sourceberg, initiiert. Träger ist die Wikimedia Foundation. Wo das Projekt Gutenberg noch ganz im Geiste früher Cyberspace-Hippies gegründet wurde, ist die Wikisource ein typisches Kind der so unschön “Web 2.0″ genannten Ära.
Dies alles sind nichtkommerzielle Projekte, von Idealisten und Idealistinnen betrieben, die der Meinung sind, das Wissen Macht ist und deshalb allen Menschen zur Verfügung stehen sollte. Daneben gibt es auch interessante online lesbare und/oder herunterladbare Bücher aus Verlagen. Vor allem vergriffene Werke, die nicht mehr nachgedruckt werden sollen, sind so noch erreichbar. Als Beispiele nenne ich hier mal den O’Reilly-Verlag sowie die Open Books des Galileo-Verlag.
Format muß man haben
Einen Haken gibt es allerdings bei all’ diesen digital zur Verfügung stehenden Werken: Sie liegen in unterschiedlichen Formaten vor. Vom einfach kopierten Text über XML und Postscript bis zu gezipptem HTML, XHTML und PDF ist alles vertreten. Das ist alles andere als Einheitlichkeit und macht es notwendig, unterschiedlichste Software für die Rezeption zu nutzen. Dabei gibt es bereits seit Jahren interessante Formatstandards für den Datenaustausch, eines davon ist das Open-Source EPUB. Das Schönste an diesem Standard ist, dass er dafür sorgt, dass das Dokument automatisch an die jeweilige Display-Größe des Anzeigegerätes angepasst wird. Bei solch unterschiedlichen Bildschirmen wie denen von Smartphones, Netbooks und eReadern ist das auch dringend nötig.
Nun hat Google clevererweise seine angeblich “über 1.5 Millionen Bücher” genau in diesem schönen Standard veröffentlicht. Da freut man sich natürlich, egal ob man mit einem Handheld unterwegs ist oder einen eReader sein eigen nennt. Aber warum hat es zuvor kein anderes offenes Format in den Aufmerksamkeitsbereich solch großer Unternehmen wie Google und Sony geschafft? Weil mit EPUB die Integration von Digital Rights Management (DRM) möglich ist. Es würde mich doch sehr wundern, wenn die verführerische Offerte freier Literatur nicht als Einstiegsdroge dient und es schon bald ebensoviele kostenpflichtige Angebote gäbe.
Auch Project Gutenberg bietet digitalisierte Literatur neben anderen Formaten im EPUB-Format an (z.B. hier). Man ist hier allerdings noch vorsichtig und weist ausdrücklich auf den experimentellen Charakter dieses Angebots hin. Noch sind nämlich nicht alle Kinderkrankheiten entdeckt, geschweige denn beseitigt.
Bild: kandinski@flickr

