Home > Social Media > Dauerbaustelle Wikipedia

Dauerbaustelle Wikipedia

800px-brockhaus_lexikon

In der aktuellen Le Monde Diplomatique* sinniert Mathieu O’Neil über die gelebte Demokratie der Wikipedia – oder auch über deren Mangel. Er stellt das Prinzip der gemeinschaftlich erstellten Enzyklopädie als “massenhafte Wissensproduktion” der klassischen enzyklopädischen Arbeit Einzelner, der “klassischen Experten”, gegenüber. Im Zentrum seiner Kritik stehen zwei Aspekte:

  1. Der Anspruch Wikipedias, ein demokratisch organisiertes Wissenswerkzeug zu sein.
  2. Die Behauptung, die Wikipedia sei qualitativ gleichwertig mit traditionellen Enzyklopädien, insbesondere mit der Encyclopaedia Britannica.

O’Neils Argumente kann ich zu einem guten Teil unterstützen. Während es einige hochwertige Artikel in der Wikipedia gibt, die zu Recht das Prädikat “exzellent” tragen, stellt die Mehrheit der enzyklopädischen Beiträge Rudimentär- und zum Teil schlicht falsches Wissen dar. Über Fehler in der Online-Enzyklopädie wurde schon oft online wie offline berichtet – die Bildzeitung vergab in für sie typischer Sprachkreativität 2006 den Namen “Wiki-Fehlia“.

Betrachtet man dieses Problem aber genauer, kann man es auf das Prinzip der Wikipedia als systemische Ursache zurückführen. Denn, so O’Neil, während eine klassische Enzyklopädie zu einem bestimmten Zeitpunkt ein verfiziertes, vorläufig abgeschlossenes Werk darstellt, ist die Wikipedia eine “uneinheitliche Dauerbaustelle”. Eine Dauerbaustelle, an der viele mitwirken, deren Qualifizierung angeblich durch die Bewertung anderer Wikipedia-Aktiver überprüft wird.

Und damit komme ich zu einem weiteren kritischen Punkt. Ich habe bereits selber mehrfach in den letzten Jahren erlebt, das der durch hohe Aktivität oder durch besonders sympatische Rhethorik erlangte Status einer Person deutlich zu positiveren Bewertungen von dessen Artikeln führte. O’Neil bringt das auf den Punkt: “[...] das Expertise mit Beliebtheit verwechselt wird.” Man könnte es auch ganz leger mit einem Sprichwort ausdrücken: Viele Köche verderben den Brei. An einer klassischen Enzyklopädie arbeiten ausgewiesene Redakteure, die mit allen Konsequenzen für ihren Output verantwortlich zeichnen. Die Beiträgeschreiber/-innen der Wikipedia hingegen übernehmen keinerlei Verantwortung – sie haben ja auch keine Rechte an ihren Artikeln. Hier gibt es noch nicht einmal einen Chefkoch, pardon, verantwortlichen Chefredakteur.

Natürlich nicht, kann man nun anführen, denn die Wikipedia ist eben nicht hierarchisch, sondern demokratisch organisiert. Das dies aber so nicht ist, darauf weisen u.a. auch die bereits genannten Bewertungen nach Beliebtheit hin. O’Neil geht sogar so weit zu behaupten, die Wikipedia sei “am Ende doch ein oligarchisches un eben nicht egalitäres System [...]“, schuldet uns jedoch in seinem Artikel eine genauere Begründung dafür.

eclairageDie behauptete Oligarchie ist aber meines Erachtens vor allem die Herrschaft der Aktiven. Nach der Theorie der Opinion Leaders kann man maximal 10% einer Menschengruppe zu den Meinungsführern rechnen. Die aktuellen Zahlen der deutschen Wikipedia zeigen sogar nur einen Prozentsatz von 3% tatsächlich aktiver User im Vergleich zu den registrierten, wobei “aktiv” bedeutet, dass in den letzten 30 Tagen ein Beitrag editiert wurde. Dem stehen die enormen Zugriffszahlen entgegen: Alleine die Hauptseite der deutschsprachigen Wikipedia wurde im April 2009 über 12 Millionen mal aufgerufen. Im Vergleich mit dieser Zahl ist die Menge aktiver User geradezu verschwindend.

Diese Zahlen bedeuten, dass das Wissen in Wikipedia nicht von vielen, sondern vielmehr von wenigen zusammengestellt wird. Hier also irrt Mathieu O’Neil, denn er verharrt noch beim Paradigma der “vielen” in seinem Artikel. Diese Zahlen zeigen aber auch grundsätzlich, warum man mit der Euphorie über die “demokratischen” Online-Medien vorsichtigt sein sollte. Denn wie demokratisch ist ein Medium, dass von einer kleinen Gruppe beherrscht und von vielen passiv und oft genug kritiklos rezipiert wird? Und da wiederum stimme ich O’Neil und seiner Behauptung einer Oligarchie zu.

Ein weiterer Irrtum zieht sich durch den Artikel von O’Neil. Er behauptet: “Bei Wikipedia tritt Überprüfbarkeit an die Stelle der Wahrheit.” An anderer Stelle spricht er von “objektivem Wissen”. Auch ohne Dekonstruktionist zu sein denke ich nicht, dass es eine Ojektivität oder gar “die Wahrheit” per se gibt. Immerhin: Die vielfältigen Diskussionen, die viele Wikipedia-Artikel begleiten und zum Teil recht emotional geführt werden, zeigen genau dies: Es gibt nicht das eine richtige Wissen, die eine Wahrheit. Und hierin sehe ich eine Stärke des Wikis.

* Die Artikel sind jeweils im Folgemonat auch online verfügbar.

Social Media

  1. Bisher keine Kommentare
  1. Bisher keine Trackbacks
*

Twitter Users
Enter your personal information in the form or sign in with your Twitter account by clicking the button below.