Vorsicht, Kamera!

Die Suche nach möglichst reizvollen Methoden, mit denen E-Learning beliebt gemacht werden kann, führt manchmal zu fragwürdigen Ergebnissen. Oft genug machen sich Lehrende nicht ausreichend Gedanken darüber, für wen die Methode interessant sein soll – häufig, so scheint es, steht die Attraktivität für die Dozentinnen und Dozenten selbst im Vordergrund. Ein typisches Beispiel hierfür sind multimediale Vorlesungsaufzeichnungen.
Der Vorlesungsaufzeichnung liegt eine gute Idee zu Grunde. Hat ein Student mal seine Vorlesung verpasst, kann er auf die Aufzeichnung zurückgreifen, die die Professorin gemacht und im LCMS zur Verfügung gestellt hat. Der entscheidende und im optimalen Fall lernunterstützende Faktor ist der, dass unser Student nicht nur die Seiten der Präsentation durchblättern kann, sondern dazu auch die Stimme der Professorin hört und ihre Bildschirmaktivitäten in den Folien miterlebt. Zusätzlich kann er aber seine Professorin auch sehen, denn sie hat sich per Video zeitsynchron aufgenommen. Bringt dieses Video dem Studenten irgendeinen Vorteil?
Vorlesungsaufzeichnungen sind keine Kommunikation
Bisherige Erfahrungen mit 3-D-Lernwelten (z.B. virtuellen Hochschulen in Second Life) zeigen, dass manche Lerntypen eine virtuelle kommunikative Situation als erfolgreicher erleben, wenn sie nicht rein textbasiert, sondern mit Hilfe eines Avatars abläuft. Avatare repräsentieren nicht nur die anderen an der Kommunikation beteiligten Personen, sondern visualisieren zugleich den kommunikativen Akt selbst. Solche Situationen werden als authentischer erlebt als textbasierte Chats, ihre Lernwirkung kann nachhaltiger sein.
Eine Vorlesungsaufzeichnung bietet jedoch keine mehrseitige Kommunikation an, sondern fordert rein rezeptives Lernen. Visuelle Reize werden durch die Präsentationsseiten sowie Stift-, Marker- oder andere Zeichnungswerkzeuge geboten. Didaktisch geschickt eingesetzt, können sie die Wahrnehmung der angebotenen schriftlichen und grafischen Informationen unterstützen und damit den Lerneffekt verstärken. Die zeitsynchron aufgenommene Stimme unterstreicht akustisch das Wesentliche und erklärt das vielleicht nicht so eindeutig Erkennbare. Was kann da das Video noch bieten? Das vermeintliche Plus an Authentizität ist hier nur ein überflüssiger Reiz, der das Lernen eher stört als fördert.
So zeichnen Sie erfolgreich Ihre Vorlesung auf
Wenn Sie sich für Vorlesungsaufzeichnungen interessieren, sollten Sie nicht einfach nur die Hard- und Software in den Mittelpunkt stellen, sondern grundlegende Faktoren für den didaktischen Erfolg einer Vorlesung (oder eines Vortrags) beachten:
* Machen Sie sich vorab mit der Hard- und Software vertraut.
* Gestalten Sie Ihre Präsentation (z.B. mit MS PowerPoint, OpenOffice Impress oder Apple Keynote) so, dass jede Seite darin einen starken visuellen Reiz bietet, z.B. durch ein Foto, das ungewöhnliche Assoziationen weckt.
* Begrenzen Sie den Textanteil Ihrer Präsentationsseiten auf einprägsame Schlagworte.
* Strukturieren Sie die Präsentation thematisch aufbauend.
* Halten Sie den Gesamtumfang Ihrer Präsentation klein (10 bis 20 Seiten max.).
* Bieten Sie den Zuschauerinnen und Zuschauern Orientierungshilfen, z.B. eine Zeile, die aussagt, in welchem Thema oder Subthema man sich befindet oder die wievielte Folie von wie vielen Folien man gerade sieht.
* Sprechen Sie deutlich und nicht zu schnell. Aber natürlich auch nicht ermüdend langsam.
* Bleiben Sie fokussiert und schweifen Sie nicht ab. Die Audioaufnahme sollte keine Informationen enthalten, die nicht über die Folien nachvollzogen werden können.
* Stehen Sie zu Ihren kleinen „Ähs“ und „Ems“, stehen Sie auch zu dem gelegentlichen Versprecher. Sie sind ja schließlich ein Mensch.
* Üben Sie ruhig den Vortrag mit Aufnahme „im stillen Kämmerlein“, um Unsicherheit und Aufgeregtheit abzubauen und sich in der Aufnahmesituation sicher zu fühlen.
[Foto: checka/photocase.de]

Die Vermutung, E-Lectures mit Begleitvideo der/des Vortragenden würden keinen Mehrwert bieten, wird immer wieder vorgetragen – für mich zuletzt auf einem Fachforum vergangene Woche. Empirische Daten scheint es jedoch bislang nicht zu geben, vereinzelt gibt es Evaluationen mit mehrdeutigen Ergebnissen.
Im Nachgang habe ich mir tagsdrauf übrigens die Frage gestellt, wie MEINE Aufmerksamkeit z.B. während einer Live-Vorlesung gelenkt wird. Festgestellt habe ich, dass mich die Anwesenheit der/des Dozenten nur in seltenen Fällen stört, meist kehrt mein Blick von der Folie rasch zurück zu den Vortragenden. Beim Betrachten von E-Lectures geht mir das meist ganz ähnlich.
Ich gestehe Ihnen gerne zu, dass der Aufwand für eine Aufzeichnung MIT Video höher ist, aber überflüssig und lernstörend ist es sicher nicht wirklich.